Neue Wege im Bewerbermarketing

Würden Sie einem guten Freund einen Job in der Zeitarbeit empfehlen? Ich würde das nicht nur tun, ich habe es längst getan. Eine sehr gute Freundin von mir wollte nach längerer Mutterschafts-Auszeit wieder in einen Finanzcontrolling-Job zurück. Mein Rat war, sich bei Zeitarbeitsfirmen zu bewerben.  Auf die Gründe für diesen Rat komme ich noch zu sprechen.

Warum ist das Thema Blog-relevant? Weil ich keinen einzigen meiner Gründe für die Empfehlung auf den einschlägigen Webseiten der Zeitarbeitsfirmen wiederfinde. 

 

Schauen wir einmal an, was dort zu lesen ist.

 

Sicherer Arbeitsplatz. Ja schon, aber ist das ein Differenzierungsmerkmal? Ich meine: eher nicht, also nicht wirklich überzeugend.

 

Weiterbildungsmöglichkeiten. Weiterbildung ist ein wichtiges Thema und völlig zu Recht Priorität bei der Weiterentwicklung der Zeitarbeit. Aber Hand aufs Herz: derzeit kann die Branche aus Arbeitnehmersicht hier kaum punkten. Wir bewegen uns im Bereich flexibler Arbeitsverhältnisse, und die sind im Zweifel dann doch kürzer als bei Stamm-Mitarbeitern. Jedes Zeitarbeitsunternehmen muss daher genau überlegen, wie viel Geld es in Weiterbildung stecken kann. Das ist aber definitiv nicht das letzte Wort in dieser Sache. Indem Zeitarbeitsfirmen immer mehr als “normaler” Arbeitgeber auch für langfristige Arbeitsverhältnisse wahrgenommen werden, wird sich diese Situation zu Gunsten der Zeitarbeit und ihrer Arbeitnehmer ändern.

 

Vorbildlicher Arbeitgeber. Auch dieser Punkt geht für mich an der Realität vorbei. Das Zeitarbeitsunternehmen ist zunächst “nur” für die formalen Aspekte des Arbeitsverhältnisses zuständig. Faire Gestaltung des Arbeitsvertrages, korrekter Umgang mit Entgeltfortzahlung für Urlaub und Arbeitsunfähigkeit usw. Jeder Arbeitnehmer wird erwarten, dass bei diesen Themen keine Fehler gemacht werden. Ob es sich aber wirklich um einen tollen Arbeitsplatz handelt, entscheidet sich im jeweiligen Einsatzunternehmen. Aus Sicht der Arbeitnehmer ist vor allem wichtig, dass die Zeitarbeitsfirma in der Lage ist, attraktive Einsatzmöglichkeiten zu beschaffen. Dazu später mehr.

 

Warum habe ich der Freundin Zeitarbeit empfohlen, auch wenn ich die oben genannten Gründe für nicht so überzeugend halte? Weil Zeitarbeit ein hervorragender Weg ist, einen regionalen Arbeitsplatz zu finden, mit dem man wirklich zufrieden ist.

Und das ist keine Selbstverständlichkeit, wie eine Studie (wieder einmal) herausgefunden hat. Schlechte Bezahlung (22%), zu wenig Wertschätzung (15%), zu wenig neue Projekte und schlechtes Betriebsklima (je 12%) sind die wichtigsten Gründe, warum Arbeitnehmer in ihrem Job nicht glücklich sind.

 

Zeitarbeit kann da einen entscheidenden Unterschied machen, weil Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Chance haben, sich vor der Entscheidung wirklich kennenzulernen. Das normale Bewerbungsverfahren ist doch ein bisschen wie Speed-Dating. Würden Sie nach einem gut gelaufenen Speed-Dating sofort vor dem Traualtar gehen? Eben. Aber nach einer erfolgreichen Bewerbung passiert im Grunde genommen genau das. Man bindet sich ohne viel voneinander zu wissen. Vor allem weiß man eben nicht, wie es im Alltag aussehen wird. Aber genau hier entscheidet sich doch (in der Liebe wie beim Arbeitsplatz), ob man langfristig glücklich wird oder nicht.

 

Okay, Zeitarbeit hilft bei der Suche nach dem im-echten-Leben-guten Arbeitsplatz. Aber gibt es nicht andere Werkzeuge, um das zu bewerkstelligen? Wie ist es z.B. mit der Probezeit? Sehr schlecht, würde ich sagen.  Die Beendigung des Arbeitsverhältnisses während der Probezeit ist nur die allerletzte Möglichkeit, ein noch größeres Fiasko zu verhindern. So etwas ist immer mit erheblichen Verletzungen und Kosten für eine oder beide Seiten verbunden. Schlimmer geht es nicht.

 

Was ist mit einer befristeten Einstellung? Aus Arbeitgebersicht mag das ganz attraktiv erscheinen, weil man sich alle Optionen offen hält. Wird die “Out”-Option gezogen, war das in der Rückschau aber teurer. Sämtlichen Kosten für Rekrutierung, Einstellung und Einarbeitung steht eine nur relativ kurze produktive Zeit im Unternehmen gegenüber.

 

Vor allem aber finde ich, dass bei der befristeten Einstellung die Karten zu Ungunsten der Arbeitnehmer gemischt werden. Meiner Freundin hätte ich das nie empfohlen. Ein Unternehmen kann die Befristung des Arbeitsverhältnisses zur Bedingung machen, sollte sich dann aber über die Konsequenzen im Klaren sein. Viele geeignete Kandidaten werden sich gar nicht erst bewerben. Wird das Arbeitsverhältnis nicht verlängert, liegt der schwarze Peter klar beim Arbeitnehmer. Das Spiel geht wieder von vorne los, mit all der Arbeit einer neuen Bewerbungsphase und dem Schreckgespenst einer vielleicht längeren Arbeitslosigkeit. Das ist wenig attraktiv und vor allem - darauf kommt es hier an - viel schlechter als in der Zeitarbeit.

 

Als Zeitarbeitnehmer ist man in dieser Situation besser dran. Aus einem Einsatz ist - aus irgendeinem Grund - kein Traumjob geworden? Das ist schade, aber keine Katastrophe. Mit dem Zeitarbeitsunternehmen gibt es nach wie vor einen Arbeitgeber, der das Gehalt bezahlt. Es liegt im Interesse des Zeitarbeitsunternehmens, so schnell wie möglich einen neuen passenden Einsatz zu finden. Das ist deren tägliches Geschäft, also machen die das ziemlich gut. Und so entsteht eine neue Chance: neues Spiel, neues Glück.

 

Schauen wir noch einmal auf die Studiengründe für die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz. Wie würde sich der Einstieg über Zeitarbeit auswirken? Als Zeitarbeitnehmer kennt man die Stelle genau und kann so sehr gut einschätzen, ob 1.) Gehalt und Anforderungen zusammenpassen. Außerdem hat man die Chance, aus der Insider-Perspektive Informationen zu sammeln, die bei der Gehaltsverhandlung nützlich sind. Die Themen 2.) “keine Wertschätzung” und 3.) “schlechtes Betriebsklima”  kann man ebenfalls gut beurteilen. Und sollte man schon in der Zeit als Zeitarbeitnehmer den Eindruck gewonnen haben, dass 4.) die Arbeit zu langweilig ist, dann wäre dies vermutlich auch ein guter Grund, sich mit tätiger Hilfe des Zeitarbeitsunternehmens doch noch einmal neu zu orientieren.

 

Wenn in der Öffentlichkeit über Zeitarbeit diskutiert wird, steht oft Flexibilität als Vorteil der Unternehmen im Vordergrund. Aber auch die Arbeitnehmer profitieren erheblich von einer flexibel gestalteten Kennenlernphase. Eine gute Zeitarbeitsfirma bietet nicht nur Zugang zu den attraktiven Arbeitgeber der Region, sie bietet auch einen attraktiven Zugang zu ihnen. Das war mein Grund für die Empfehlung “Zeitarbeit” im Fall der guten Freundin. Warum ist das - wenn überhaupt - nur verklausuliert im Bewerbermarketing zu finden? Für mich wäre die zentrale Botschaft: "Wir kennen uns aus im regionalen Arbeitsmarkt für Ihre Qualifikation. Wir sind in der Lage, Ihnen Alternativen zu bieten."

 

Das ist das Entscheidende, auch dann, wenn Arbeitnehmer erst einmal überhaupt nicht an einer Übernahme interessiert sind. Diese Arbeitnehmer sind uns in der Branche natürlich besonders willkommen.  Es gibt gute Gründe für diese Einstellung. Zeitarbeit ist eine hervorragende Möglichkeit, sich beruflich zu orientieren, d. h. sich über die eigenen Prioritäten bei der Berufswahl klarer zu werden. Erst einmal Erfahrung in unterschiedlichen Unternehmen sammeln, dann weiß man, worauf es ankommt. Und für diejenigen unter uns, denen einfach jede Arbeit früher oder später langweilig wird, ist Zeitarbeit sogar ein sinnvolles dauerhaftes Arrangement. Ein Arbeitsplatz mit eingebauter “Nicht-Langeweile-Garantie” sozusagen.

 

Und wie ist die Geschichte mit der Freundin ausgegangen? Sie wurde bei einem Unternehmen eingesetzt, dass sie sonst sicher nicht auf dem Zettel gehabt hätte: ein familiengeführtes mittelgroßes Unternehmen, sehr sympathisch und sehr chaotisch. Ihr Nutzen für das Unternehmen wurde schnell klar als es ihr gelang, die bestehenden Arbeitsrückstände zügig abzuarbeiten. Sie fühlte sich wertgeschätzt und “wichtig”. Die Übernahme steht unmittelbar bevor. Wer weiß? Vielleicht bleiben sie und ihr Arbeitgeber zusammen, bis dass die Rente sie scheidet. Die Voraussetzungen sind in jedem Fall gut.

Interessiert?

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Jochen Garbers

jocega Consulting

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